Moskau 1970

Über das Foto in Moskau 1970. Und nicht nur.

Mit Liebe

Margarita

August 1970. In Moskau auf dem Roten Platz. Papa, Mama, Jorgos und ich. Wir waren mit unserem Vater in die Sowjetunion gekommen, der offiziell von der Regierung der UdSSR eingeladen worden war. Man wollte ihm den Posten des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Griechenlands vorschlagen, den damals Kostas Kolijannis (1956-1972) innehatte. Papa kannte indessen den Grund für die Einladung nicht. Er überlegte; offenbar wollte die Sowjetunion den kommunistischen Revolutionär ehren! Natürlich gab es nach dem Vorschlag viele Diskussionen. Er lehnte ab. In Moskau wurde viel darüber diskutiert. Wir durchstreiften mit Mama und unserer Dolmetscherin- Begleiterin (vom KGB), der fröhlichen Galina, die Stadt, ganze Wochen lang! Ich lernte Moskau damals gut kennen; ich war elf und Jorgos zehn! Alexis Hatzis war auch mit uns zusammen. Als ich letztes Jahr wieder hinfuhr, wieder mit Alexis, nach einer weiteren Reise 1983 mit meinen Eltern in der kurzen Regierungszeit von Juri Andropow, konnte  ich eine wunderschöne Stadt bewundern, reich und in grellen Farben nach dem amerikanischen Vorbild der Verschwendung und des Luxus einer mondänen Metropole!

Ich erinnere mich, dass man uns nach Moskau und einigen idyllischen Ausflügen in die Umgebung, wo wir in eleganten Datschen wohnten, Sommerfrischen der sowjetischen Künstler, nach dem Bad in der Wolga, den zahlreichen Theatervorstellungen im Tschaikowsky-Theater und im Kreml-Theater und nach anderen wunderbaren Sachen für zwei Kinder wie wir in Jalta in einer den Kadern der Parteiführung vorbehaltenen Sommerfrische gastlich aufgenommen wurden!  Dort musste Papa auf das Ergebnis ihrer Diskussionen warten. Unvergessliche Krim! Unvergesslich auch der Luxus, mit dem sich die Pateikader umgaben. Am besten jedoch erinnere ich mich an die Schönheit der Landschaft. Sie erinnert an die Landschaft Kinettas mit den grünen Wäldern an den steilen Hängen, die bis zur Gipfelkette der Gerania- Berge hochklettern! Die Krim mit ihren ausgezackten Küsten, den winzigen Inselchen, den Felsen, die unvermittelt laus dem Meer ragen, Klippen an den Küsten! Und Kiefern, Kiefern, überall Kiefern! Wir ließen unseren Blick vom Jagdflugzeug der Kriegsmarine über die Berge und Strände schweifen!  Die Krim erinnerte auch an die Küste des Korinthischen Golfs mit ihren tiefen Buchten. Fährt man mit dem Boot die Küste entlang, vom Leuchtturm Vouliagmenis gegenüber unserem Haus in Vrachati, fährt man in kleine Buchten und schlüpft in rätselhafte Grotten, fährt ein großes Stück weiter bis zur tiefen mysteriösen Bucht mit dem eiskalten Wasser, bis man zum schönen Alepochori und noch weiter bis Psatha gelangt. Dort erstrecken sich die Täler am Fuß des Patera-Berges  bis zum schrecklichen Kithairon, der Heimat der Erinnyen! Zauberhaft! Wie sehr ähnelt doch die unglückliche Krim Griechenland! Vielleicht haben sie deswegen Tausende von Griechen vor Tausenden von Jahren zu ihrem Vaterland gemacht. An einem Tag fuhren wir nach Jalta, um das Haus des Schriftstellers Anton Tschechow zu besuchen, der seine letzten Lebensjahre dort verbrachte. Es war Nachmittag. Papa saß im ruhigen Garten an einem Marmortisch und schrieb ein paar Worte ins Besucherbuch. Sicher gibt es seine Widmung heute noch. Es gibt auch ein Foto. Es zeigt ihn beim Schreiben. Wenn ich es betrachte, glaube ich ein historisches Ereignis vor mir zu sehen. Um uns zahllose Bäume, zahllose Beete mit Blumen und zahllose Pfade! Es war wie im Paradies! Daher gingen wir Kinder besonders andächtig, wie an einem heiligen Ort.

Und dann  erhielten unsere Begleiter den Auftrag, Papa solle zurückkehren, und los ging’s! Als wir zum Moskauer Flughafen zurückkehrten, verwandelten sich unsere Begleiter vom KGB zu unsympathischen, nervösen Staatsbeamten. Schnell passierten wir den Zoll und die Passkontrolle. Sie hatten es eilig, uns loszuwerden. Das Gleiche und noch mehr wollten auch unsere Eltern. Während wir von der einen Halle in die andere gingen, die zu den Auslandsflügen führte, sahen wir hinter einer riesigen Glaswand noch ein schönes Stück weg eine Gruppe junger Leute, die lebhaft ihre Arme schwenkten und uns wie verrückt grüßten! Wir sahen sie rufen, konnten sie aber wegen der riesigen Glasscheibe nicht verstehen. Neben uns stand Papas Begleiter, ein riesiger, massiger Mann, Papas Gesprächspartner Tag und Nacht; ich glaube, er hieß Anatol (Ich werde Papa fragen; natürlich war er KGB-Kader!). Er sagte Papa, die jungen Leute seine Griechen aus Taschkent und seien Tausende von Kilometern gereist, um ihn zu sehen! Nach einer einwöchigen Zugreise und unzähligen Kontrollhalten der Polizei waren sie gerade zum Zeitpunkt unserer Abreise eingetroffen! Sie wollten Papa sehen, mit ihm sprechen oder ihn wenigstens grüßen. „Aber sie haben keine Erlaubnis, ihn zu sehen“, sagte Anatol. Dabei hatten sie eine Reise von Tausenden Kilometern hinter sich… Und jetzt versuchten sie mit allen möglichen Gesten und Minenspielen Papa zu erkennen zu geben, wie sehr sie an ihm hingen! Papa hatte sie 1966 in Taschkent mit seinem Orchester, Maria Farandouri und Andonis Kalojannis besucht, und seine Musik war für die isolierten und vergessenen griechischen Widerstandskämpfer und ihre Kinder in Zentralasien zu einer nicht zu löschenden Flamme geworden. Hinter der Glaswand standen im tiefsten Asien geborene Kinder griechischer Widerstandskämpfe. Alle Details des Vorfalls auf dem Moskauer Flughafen 1970 mit der Gruppe aus Taschkent erzählte uns fünfundzwanzig Jahre später der Busuki-Spieler unseres heutigen Orchesters, Dimitris Christodoulos, der leider nicht mehr lebt; er ist früh gestorben; es sind jetzt zehn Jahre her. 1970 jedoch war er auch dort.

 

All dies ereignete sich kurz nach Papas Freilassung durch die Junta, als der französische Politiker Jean-Jacques Servan-Schreiber frech nach Griechenland kam und den Diktator Georgios Papadopoulos persönlich um Papas Freilassung aus Gesundheitsgründen bat. Papas Bauch war angeschwollen, und so hatte man ihn vom Militärlager Oropos ins Krankenhaus Ajios Pavlos (jetzt Krankenhaus von Nikäa) gebracht. Die Junta glaubte, er habe Magenkrebs und glaubte, sie könne ihn so loswerden! Letzten Endes hatte Papa eine einfache Blinddarmentzündung gehabt, die jedoch niemand diagnostiziert  und die sich in eine ausgewachsene Bauchfellentzündung verwandelt hatte! Sie brach just in dem Moment auf, als Papa sich nunmehr als freier Mensch in Rom war, auf einem riesigen Platz; 1. Mai 1970, oben auf dem Podium mit Enrico Berlinguer (später Führer der italienischen kommunistischen Partei und historischer Führer der Linken), vor Hunderttausenden von Leuten in der zentralen Rede zum 1. Mai! Die Menge bewunderte den Helden, den Widerstandskämpfer, den Kommunisten, meinen Vater! Die Menge umjubelte den Revolutionär! Das italienische Volk verehrte ihn! Und Papa begann seine Begrüßung in tadellosem Italienisch und … fiel in Ohnmacht! Die Operation in einem römischen Krankenhaus dauerte mehr als vier Stunden, weil sich der Eiter in der ganzen Bauchhöhle verbreitet hatte. „Die haben mir die Därme herausgenommen und gewaschen“, sagte uns Papa später. „Ich war dem Tod nahe! Ein großer Arzt hat mich gerettet.“ Es war der Leibarzt Berlinguers. Und wir Kinder fügten auch dieses Ereignis dem Pantheon von Papas Heldentaten hinzu! Servan-Schreiber übrigens zog nach seiner kühnen Tat mit seiner neugegründeten Partei „Le Parti Radical“ als Triumphator ins französische Parlament ein. „Auch da hat Papa geholfen“, sagten wir begeistert.

All das geschah Ende April 1970, und wir lebten immer noch in Nea Smyrni, als Geiseln der Junta, meinten die Erwachsenen. Daher hauten wir am 1. Mai ab! Mama, Jorgos und ich, als Franzosen verkleidet! Mit Hilfe französischer Freunde Schreibers (die dann auch zu lieben Freunden meiner Eltern in Frankreich wurden) machten wir angeblich eine Kreuzfahrt in der Ägäis mit einem Segelboot (?), das wir beim Reeder Potamianos gemietet hatten (woher sollten die das wissen!). Und gelangten nach Chios. Von dort ging es mit französischen Pässen und Mama mit kaffeebrauner Perücke mit dem Linienschiff in die Türkei hinüber: Chios-Tscheschme. Unsere erste Reise außerhalb Griechenlands nach so vielen Jahren nach unserer Ankunft in Griechenland aus Paris; wir waren noch Kleinkinder. Jetzt war ich elf und Jorgos zehn. Wir kamen auf dem Seeweg in die Türkei, so wie alle unsere Landsleute, Millionen, die von dort geflohen waren. Vor uns tauchte die Heimat unserer Oma Aspa auf, Papas Mutter! Tscheschme. Eine mythische Stadt. Eine magische Stadt. Genau so, wie ich sie mir mit meinen geistigen Mädchenaugen vorgestellt hatte, seit ich mich erinnern kann an die Erzählungen meiner Großeltern und noch mehr an die meiner Großmütter. Die mir über Jahre hin aus ihrem Leben erzählten, wie es damals in der „vergessenen Heimat“ war (wie ich zu mir jedesmal zu sagen pflegte, wenn ich neben meiner winzigen Großmutter Margarita saß. Ich war ein kleines Mädchen und hörte meiner Großmutter beim Erzählen zu wie einem endlosen Märchen! Ich war eine geborene Smyrniotin, aus Kleinasien! Daher wohnten wir in Nea Smyrni, einem der attischen Flüchtlingsviertel. Ich war sehr stolz darauf, dass meine beste Freundin Fani, die genau uns gegenüber wohnte, ein bisschen weiter rechts, eine Smyrniotin als Großmutter hatte und ihre Mama, Frau Xenia, in die legendäre Evangelische Schule gegangen war, auf dem Platz von Nea Smyrni, zusammen mit meiner Mama und allen Nachbarinnen; mein Großvater bekam von dort seine Rente als Lehrkraft und Leiter des Gymnasiums der Evangelischen Schule von Nea Smyrni! Und mein Großvater Elias, der Vater meiner Mutter, war Chemielehrer an der berühmten Töchterschule von Smyrni, aber auch der Evangelischen Schule in Smyrna! Jorgos Seferis war sein Schüler! Doch war er nicht bloß Chemiker! Mein Großvater war auch ein weiser Mann! Er sprach Türkisch, Altgriechisch,  war Gärtner hinten in seinem Gärtchen mit einem großen Weinstock und Obstbäumen. Er war Vegetarier (in Maßen), aß meist Fisch wegen der Proteine, er kannte sich in der richtigen Ernährung aus, respektierte die Tiere … Großmutter hatte eine ganze Schar Katzen; kaum kam sie aus der Küche, ihrem ewigen Reich, in den Hof, rannten Dutzende hinter ihr her, den Schwanz hochgestellt als Zeichen der Freude und Liebe. Großmutter hatte die Blumen und den riesigen Olivenbaum auf dem Bürgersteig. Unser weiser Großvater und unsere zärtliche Großmutter, die Hausfrau. Soll ich jetzt mal erzählen, wie ich 2010 in Smyrna diese Schule mit meinen Kindern besucht habe? Wie wir es schafften, in die Mädchenschule mit der Erlaubnis des jetzigen Leiters des gemischten Gymnasiums? Damals konnte kein griechischer Tourist da hinein, und Tante Stasas größter Kummer war es, dass man sie nicht reingelassen hatte, obschon sie unzählige Reisen in die Heimat machte. Wir aber spazierten triumphierend durch die heilige Stätte! Wir sahen viele Jungen und Mädchen in Schulkleidung herauskommen, als es klingelte. Jetzt waren es junge Türken. Wir schafften es auch, in die Evangelische Schule zu kommen, die jetzt auch gemischt ist. Wir gelangten in die amphitheatralische Halle, den Chemieraum, wo Großvater unterrichtet hatte, nunmehr 100 Jahre alt vom Oktober 2013, geboren 1913! Sie kannte den Raum gut, denn ihr Papa, mein Großvater Elias nahm sie mit zum Unterricht, als die Tante fünf war, also 1918! So, nun schreibe ich euch nicht mehr von diesen Geschichten. Davon gibt es unendlich viele, sie könnten ganze Bände füllen. Was soll ich euch zuerst schreiben? Während ich euch schreibe, kommen mir Tausende von weiteren Geschichten in den Sinn, vor allem Bilder mit meinem geliebten Großvater Elias, mit dem wir zusammen wohnten, bis wir an jenem 1. Mai unser Haus in Nea Smyrni heimlich verließen. Aber nicht einmal wir Kinder wussten, wohin es ging!... „Meine Kinder, wollten wir heute, am 1. Mai, nicht mal einen Ausflug machen?“ schlug Mama vor, und wir schluckten das überrascht, weil Mama noch nie so etwas Revolutionäres für kleine Kinder vorgeschlagen hatte. Unser ganzer Lebenskreis spielte sich in Nea Smyrni und in Vrachati ab (Unsere beiden Häuser, unsere beiden Nester). Es wäre eine Beleidigung gewesen, wenn Mama Ausflüge machte und auf Volksfeste ginge, wo der Vater doch noch vor einer Woche in Haft war im Konzentrationslager Oropos zusammen mit Tausenden von Genossen. Das wussten wir und waren stolz auf den Kampf unseres Vaters. Wir wussten und verstanden alle: dass Mama immer ihre Ruhe brauchte, weil sie sich übermäßig Sorgen machte. Aber nicht einmal ihren Eltern sagte sie die Wahrheit; sie fürchtete, man könnte sie zum Sprechen zwingen… „Wir machen einen Maiausflug mit französischen Freunden“, hatte sie ihnen gesagt. Während unserer Vorbereitung auf den Ausflug sah ich die heftige Nervosität und Besorgnis in den Augen meiner Großmutter Margarita. Sie humpelte mit ihren kranken Beinen in der Wohnung umher, Hatte es immer eilig. Meine klitzekleine Großmutter!

Meine Mama sollte ihren Papa nie mehr wiedersehen. Auch wir nicht unseren Großvater. Eines Abends hatte man in Paris aus Griechenland angerufen (1971) und ihr gesagt, Großvater sei gestorben. Sie ging in eine Ecke und weinte. An jenem Abend hielten wir drei Ruhe und ließen unsere Mama in Ruhe, allein mit ihrem Schmerz. Sie konnte nicht einmal zur Beerdigung kommen. Wir hatten unseren weisen Großvater verloren, dem wir zwischen seinen starken Beinen schon als Kleinkinder herumgelaufen waren.

Dort wollten wir jetzt abhauen. Tscheschme liegt vor uns! Tscheschme, eine Stadt wie aus dem Paradies der Erwachsenen. Hier wurde Aspasia geboren und hier wuchs sie auf. Die Stadt, der Hafen breiteten sich vor meinen erstaunten Augen aus. Nie werde ich die Holzhäuser mit den charakteristischen muslimischen Gitterbalkons vergessen, die sich am Kai aneinanderreihten. Ich sehe sie an, als kennte ich sie schon immer. Die alten Holzhäuser mit ihren geschlossen Gitterbalkons. Als sähe ich eine alte, vergessene Lithographie. Dann kamen wir nach Smyrna. Heimlich, damit es die türkische Regierung offiziell nicht erfuhr und diplomatische Spannungen entstehen, weil sie Flüchtlinge der griechischen Diktatoren Schutz gewähre. Am nächsten Tag flogen wir nach Graz; in der Nacht zuvor schliefen wir, wieder heimlich und von unseren französischen Freunden organisiert im Club Méditerranée in Smyrna. Da wir offiziell nicht da waren, waren unsere Betten benutzt und nicht gemacht, was unsere pingelige Mutter aufregte. Aber ich erinnere mich, dass wir bestens schliefen!

So kehrte auch ich zurück in die Heimat meiner Großväter und Großmütter – auf ungewöhnliche Weise, geheim und nur für zwanzig Stunden. Aber ich betrat meinen Heimatboden! Ich war noch ein sehr kleines Mädchen und doch erlebte ich diese wenigen Augenblicke intensiv und sehr bewegt, weil ich wusste, dass ich endlich in der verlorenen Heimat war, aber auch in meiner Heimat! Daher blickte ich unersättlich nach rechts und linke. Meine Augen umflorten sich heißhungrig, als wir die endlosen Pflanzungen von Sultanatrauben durchquerten –von Tscheschme bis Smyrna („Wie das Weinstöckchen meines Großvaters bei uns zuhaus“, dachte ich).

Als ich später (ich war eine junge Frau) gefragt wurde, wohin ich denn schon gereist sei, antwortete ich stolz: „Zuerst bin ich in die Türkei gefahren, nach Kleinasien, in meine Heimat!“ Und ich war sehr stolz darauf.

Wir fuhren wieder nach Tscheschme mit meinem Vater und der ganzen Familie, Mama, Jorgos und meinen vier Kindern, dem gesamten Büropersonal, mit Musikern, Sängern, Tontechnikern, Freunden, Journalisten, Kameraleuten, Fotografen und einer großen Schar von Personen aus Chios, der Geburtsinsel meines Vaters. Wir waren viele Griechen auf der Reise 2005. Wir waren wie eine große Clique, die einem großen Ess- und Tanzvergnügen entgegenfuhr. Zum Fest für meines Vater, der bald in den Gassen der Hagia Sophia spazieren gehen sollte, des Viertels, wo seine Mutter als kleines Kind herumgelaufen war! All dies bewegte mich sehr.

Bewegt folgte auch der Festzug. Papas Festzug traf in seiner Geburtsstadt ein, in einer alten Heimat, aber jetzt in einem fremden Land. Wir gingen  alle mit als Pilger, und dort trafen  die Griechen ihre Türken, unzählige Freunde von uns und alle zusammen begannen wir das Fest zu Ehren unseres geliebten Vaters! Vater von uns allen, muss ich auch sagen! Und schließlich kehrte er dorthin zurück, wo seine Existenz begonnen hatte!

Als ich die Stadt sah, erkannte ich sie nicht wieder! Nach 1970 waren alle Gebäude abgerissen worden, alle alten Häuser und an ihrer Stelle herrschten jetzt moderne Betonbauten. Sie waren nicht ohne Geschmack, muss ich dazu sagen! Die Stadt in ihrer modernen Form ist sehr dezent. Mit Tausenden von Touristen, welche die sagenhaften Hotelpaläste füllen aus der Zeit, als noch die Griechen da waren, mit riesigen Thermen, schwefelhaltigen Bädern in ihrem Inneren. Auch die alten Griechen hatten Tausende Jahre zuvor an dieses Quellen an der ganzen Südküste berühmte, schöne Städte geschaffen mit unzähligen warmen Heilbädern, gewöhnlich in der Nähe eines Nymphenheiligtums und ehrten so mit Tempelchen die Nymphen, Göttinnen des Wassers! Nur, dass 2005 der Traum zu Ende war, das Zaubermärchen des Orients, dass wir wahnsinnig gern hörten, als wir kleine Kinder in Nea Smyrni waren, Jorgos und ich. Es fehlte das Märchen, das ich auf meiner Jungfernreise erlebt hatte, als ich ein kleines Mädchen war, nicht älter als 12.

Ich kehre zu unserer Fotografie auf dem Roten Platz zurück. Mein Bruder und ich erlebten einen unglaublichen Zauber. Vielleicht, weil wir Tag für Tag Entdeckungen machten, die für das Gehirn eines kleinen Kindes unfassbar waren bis zu dem Tag, wo er abhaute, den ganzen Tag fuhr er mit dem fahrrad in unserer Gegend herum bis zur Amphithea-Straße, denn dahinter war für uns ein anderes Land!

Unsere Kinderwelt ein Schritt! Vielleicht, weil wir in derei Monaten fünf Länder wechselten, Flugzeuge bestiegen, Züge, Jagdflugzeuge und Militärhubschrauber. Vielleicht, weil wir bei meinem Vater, wie absurd, mit Führern verkehrten, die heute die Geschichtsbücher zieren. Jedenfalls sich in den Arm unserer Mama geschmiegt, hatten wir jetzt und für immer unseren Papa bei uns, den wir streichelten, der uns umarmte, den wir küssten, der uns in seine riesigen Arme drückte, mit dem wir dauernd sprachen und der uns unaufhörlich erzählte (Sprichwörtlich waren die Begegnungen mit Papa, wo er gewöhnlich stundenlang Monologe hielt, während seine Freunde und Gäste  ihn stets ekstatisch verfolgten!)

Ein Märchen ist unser Leben, sein Verfasser besonders unser Papa! Auf dem Foto gehört er wieder uns! Es war unser Papa! Beide gehörten wieder uns! Wir würden uns niemals trennen! Und wir haben uns bis heute nie getrennt!

„Tri und tri und tri und tri, Papilein macht jetzt Pipi“, änderten wir das Gedicht von Elytis ab, als Papa den Citroen auf der Autobahn Athen-Korinth anhielt, um zu pinkeln. Jedesmal, wenn Papa den Motor anließ und der Wagen sich aufblies und hob, hielten wir auf dem hinteren Sitz stolz den Türgriff fest und warteten, dass unser toller Papa losfuhr. „Tri und tri und tri und tri“. Er hielt immer zum Pinkeln, ein höchst privater Augenblick, aber ich muss euch das anführen, damit ihr es uns besser nachfühlen könnt. Es war die Gelegenheit für uns, Papas schönes Lied aus den „Kleinen Zykladen“ zu singen, aber in unserer Version. Die zweite Stimme übernahm Mama. Gewöhnlich hielten wir an der Kakia Skala. Jedes Wochenende. Athen-Vrachati-Vrachati-Athen: Jedes Wochenende, solange wir ihn erlebten außerhalb der schrecklichen Sicherheitspolizei in der Bubulina-Straße, der zahllosen Gefängnisse, der Konzentrationslager und der Verbannungen. Für uns waren sie zur Gewohnheit geworden: die Wächter, Spitzel und Gendarmen, sogar die Armee, die einen Angriff auf unser Häuschen in Nea Smyrni unternahm, als sie ihn gnadenlos suchten und jener sich in Athen versteckt hielt, von Haus zu Haus. Vom 21. April 1967 bis Anfang August, als sie ihn in Chaidari schnappten, in Marias Haus, versteckt hinter einem Klavier. Alles ist eine Gewohnheit. Auch die Angst. Sie verursacht einem keine Überraschung mehr. An alles gewöhnt sich der Mensch. Ich denke mit Sehnsucht daran. Wenn ihr wollt, kann ich euch irgendwann einmal den Überfall der Armee auf unser Haus erzählen, mitten in der Nacht! Es war wie bei einem Judenpogrom, aber ich denke darüber nach und lächle. Nie werde ich den jungen, hübschen Soldaten vergessen, der uns Kinder mit seinem Gewehrbajonett zurückdrängte, hart und einschüchternd.  Dabei war er reizend anzusehen und schön! Blond, klein, mit Dynamik und Gefluche; aber auch daran gewöhnten wir uns.

Athen-Vrachati-Vrachati-Athen

Athen-Vrachati-Vrachati-Athen

Fünfzig Jahre sind seit dem ersten Mal 1964 vergangen. Fünfzig Jahre. Papa, Mama, Jorgos und ich. Wie auf dem Foto vom Roten Platz.

Gute Nacht

Margarita

Nachtrag: Was die antiken Zeiten Joniens betrifft, was soll ich da noch mehr schreiben? Darüber schreibe ich euch doch die ganze Zeit. Damals und jetzt sind wir immer die gleichen. So nah inmitten der Ewigkeit! Stets die gleichen. Mit der gleichen Wärme, der gleichen Freude, dem Ausgelassensein, dem Lied, dem Tanz!

Dem Leben!

Dieser Erde gehört ihnen und uns. Nichts Nationalistisches. Nur zärtliche Gefühle für unsere Heimat.

Die Heimat meiner Familie.